von Tom Uhlig
Dieser Text wurde vom Neuen Deutschland bestellt, aber die Veröffentlichung von
der Chefredaktion ausgebremst. Einen Monat nach seiner Einreichung
erscheint er nun auf kontrastmittel.
„Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerls“ – dieser Ausspruch wird oft fälschlich dem berühmten Vorsitzenden der SPD im 19. Jahrhundert, August Bebel (1840–1913), zugeschrieben. Bebel hingegen vermutete im linksliberalen österreichischen Politiker Ferdinand Kronawetter den Urheber des Zitats. In einem Interview darüber reproduzierte Bebel selbst antisemitische Vorstellungen: „‚Der Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls.‘ Das ist ein hübscher Einfall, aber er trifft doch die Sache nicht. Die eigentlichen Träger des Antisemitismus, das kleine Gewerbe und der kleine Grundbesitz, haben von ihrem Standpunkte aus nicht so Unrecht. Ihnen tritt das Kapital hauptsächlich in Gestalt des Juden entgegen.“ Bebel kritisiert also nicht den „Sozialismus der dummen Kerls“, er redet ihm das Wort.
Das Ressentiment gegen Jüdinnen*Juden findet man auch dort, wo man es nicht vermutet. Bei Personen und Szenen, die als vernünftig gelten, die einem politisch nahestehen, die über jeden Verdacht erhaben sein sollten, die man idealisiert, und nicht zuletzt: bei sich selbst. In Abwandlung von Samuel Salzborns Formulierung vom Antisemitismus als negativer Leitidee der Moderne ließe sich sagen, Antisemitismus ist eine negative Leitidee der politischen Linken. Es findet sich zumindest in der deutschen Linken kaum ein Datum, kaum eine Ereigniskette, kaum eine Bewegung, bei denen Antisemitismus nicht in der einen oder anderen Form eine Rolle gespielt hätte: vom Häuserkampf zu Blockupy, von der antiimperialistischen zur postkolonialen Szene, in der Konsumkritik, dem Kunst- und Kulturbetrieb, in queerfeministischen Politiken, der Ökologie- und Tierrechtsbewegung – die Geschichte der Linken ließe sich auch als eine Geschichte des Antisemitismus von links erzählen. Das heißt nicht, die politische Linke wäre durchweg antisemitisch. Aber in ihrer chaotischen Vielstimmigkeit war auch immer das antisemitische Geschrei deutlich vernehmbar.Derzeit hat es ohrenbetäubende Ausmaße angenommen. Das antisemitische Massaker vom 7. Oktober 2023 löste eine Entgrenzung aus. Während andere noch um Worte rangen, feierten angebliche Antiimperialistinnen „Gaza broke out of prison“ oder verklärten den Massenmord an Zivilistinnen als Form des Widerstandes. Kleinkinder, Familien und feiernde Menschen, einige von ihnen kaum erwachsen, wurden zu „Colonizern“ umgedeutet, denen alles nur erdenklich Schreckliche angetan werden darf. Nicht nur das Leben der Israelis schien ihnen ohne Bedeutung, auch das der Palästinenserinnen war für sie kaum der Rede wert. Im Moment ihres Triumphgeheuls verschwendeten sie keine Zeit, darüber nachzudenken, was das Massaker für diejenigen bedeutet, denen ihre angebliche Solidarität gilt. Denn aller Menschenrechtsrhetorik zum Trotz geht es ihnen nie um die konkreten Einzelnen. Die Menschen in Palästina sind für sie ein Mittel und kein Selbstzweck. Ansonsten würden sie ihre Forderung nach einem Ende der Kampfhandlungen an diejenige adressieren, die den Krieg begonnen haben. Wäre ihnen das Leben in Gaza tatsächlich etwas wert und nicht lediglich eine argumentative Waffe, würden sie mindestens eine Freilassung der Geiseln, am besten die Kapitulation der Hamas fordern. Denn auf diese Weise kann der Krieg enden.
„Die Linke hat terrorisierte Juden in der ganzen Welt und in Israel schamlos im Stich gelassen“, schreibt Eva Illouz in ihrem Text „Wir, die Linken? Nicht mehr!“ knapp drei Wochen nach dem Massaker. Sie wendet sich darin direkt gegen linke Intellektuelle wie Judith Butler und Slavoj Žižek, die vom „Kontext“ sprechen wollen, aber doch nur wieder mit dem Finger auf Israel zeigen. Der Titel des wütenden Aufsatzes bringt ein Dilemma auf den Punkt: Wo das linke Denken der antisemitischen Ideologie erliegt, fällt man so weit hinter die eigenen Ansprüche zurück, dass es fraglich wird, ob diese Politik überhaupt noch links zu nennen ist. Antisemitismus ersetzt die Fähigkeit zur Gesellschaftskritik, weil die Ideologie eine falsche Antwort auf die Verhältnisse anbietet. Das ist traditionell im Feld der Kapitalismuskritik so, wo die Personalisierung von Missständen und die Fetischisierung von „schaffender Arbeit“ jede radikale Antwort ersetzt. Das ist in der Analyse internationaler Konflikte so, wo die Welt bisweilen recht ahistorisch in Unterdrückte und Unterdrücker gespalten wird. Und das ist auch bei dem Kampf für die Rechte von LGBTIQ oder rassistisch Diskriminierten so, wenn Jüdinnen*Juden diese Rechte vorenthalten werden sollen. Aus dem Widerspruch zwischen linken Politiken und der antisemitischen Denkform wird oft eine Unvereinbarkeit gemacht. Es heißt dann etwa, Linke könnten überhaupt nicht antisemitisch denken, weil sie sich ja gegen jede Form des Rassismus engagierten usw. Linke Identität wird verstanden als eine Art Ticket, das einen vor dieser Kritik bewahrt. Um diese Identität zu schützen, richtet sich die Wut gegen all jene, die sie irritieren. Sie werden als „Spalter“, Antideutsche und Rassistinnen diffamiert, wenn sie sich über die ausbleibenden Schockreaktion auf die Bilder vom 7. Oktober und die mangelnde Solidarität mit Jüdinnen*Juden echauffieren. Kritik an der politischen Linken muss aus ihr exkludiert werden, sie muss von außerhalb kommen, damit das Selbstbild nicht in Gefahr gerät.
Dabei ist die Fähigkeit zur Reflexion, zur Selbstkritik gerade eine Stärke der politischen Linken und nicht ihre Schwäche. Anders als die Rechten, die einen homogenen ‚Volkswillen‘ immer schon voraussetzen, sucht die Linke geradezu den Streit mit sich selbst. So sind auch die versiertesten Kritiken von Antisemitismus in der Linken aus ihr selbst heraus entstanden. In der Linken wurde der gesellschafts- und subjekttheoretisch informierte Antisemitismusbegriff entwickelt, der es möglich macht, ihn in all seinen Erscheinungsweisen – auch bei sich selbst – zu begreifen. Ebenso treten hier aber auch autoritäre Versuche auf, diese Kritik beiseite zu räumen. Ein beliebtes Instrument der Abwehr ist die Assoziation der Kritikerinnen mit bürgerlich Konservativen. Tatsächlich applaudiert das konservative Lager gern, wenn Linke Selbstkritik üben. Die Gefahr der Vereinnahmung ist real, weshalb gegenüber diesem Lager immer auch die Notwendigkeit linker Gesellschaftskritik hervorgehoben werden sollte. Antisemitismuskritik ist kein Einwand gegen linke Politiken, sondern ihre Voraussetzung. Wenn die Konservativen linke Selbstkritiken loben, nehmen sie sich gleichzeitig selbstverständlich von derlei Übungen aus. Weder das weitverbreitete strukturell antisemitische Geschwafel vom ‚Kulturkosmopolitismus‘ noch Annäherungsversuche an die AfD oder handfeste antisemitische Vernichtungsfantasien wie bei dem jungen Hubert Aiwanger werden dort angemessen aufgearbeitet. Es wird also auch im konservativen Lager eine selektive Antisemitismusbekämpfung praktiziert. Wer innerlinke Antisemitismuskritik mit Konservatismus assoziiert, übersieht dabei häufig die eigenen Schulterschlüsse. Antisemitismus ist eine Bindeideologie, die in der Lage ist, politisch Disparates zusammenzubringen: Queerfeministinnen stehen auf Demonstrationen neben Islamisten, Friedensbewegte neben Terrorbefürworterinnen, Antirassist*innen neben völkischen Nationalisten usw. Geeint sind sie durch das Feindbild der „Zionisten“, deren Bekämpfung wichtiger scheint als linke Grundüberzeugungen.
Der 7. Oktober wurde von vielen als ein Schock erlebt. Ein traumatisches Ereignis, das auch aus der Distanz disruptiv wirken kann, das felsenfeste Überzeugungen zu erschüttern vermag. Für andere war der 7. Oktober aber offenbar nur ein Samstag. Sie pressen das Massaker in ihre vorgefertigte Interpretationsschablone, sie lassen das Leid nicht an sich heran und weigern sich, von der Glorifizierung palästinensischen Terrors abzulassen, selbst wenn dadurch auch die palästinensische Zivilbevölkerung massiven Schaden nimmt. Diese Kälte ist nicht neu. Sie ist immer auch ein Teil der politischen Linken gewesen. Dass die Linke durch den 7. Oktober so wenig irritiert wurde, ist wenig erstaunlich, wenn man um ihre Geschichte weiß.